DER SWIMMING POOL IM FILM

Mein Diplom liegt nun schon einige Zeit zurück, doch ich kann mich schwer mit dem Gedanken anfreunden, dass das Ergebnis im Bücherregal verstaubt, daher möchte ich allen meine Arbeit vorstellen.
Vor einigen Wochen kam ich auf die Idee das Konzept ARTE vorzustellen im Rahmen des Formats BLOW UP (einer meiner Lieblingsfilme, daher auch der Name auf sämtlichen Social Media Kanälen) … Mal sehen, was daraus wird! Drück mir die Daumen.

Der Swimming Pool im Film. Narratives und ästhetisches Motiv
In vielen Filmen spielt der Swimming Pool eine zentrale Rolle. Es handelt sich dabei um einen, für die Freizeitkultur seit der Nachkriegsgeschichte, besonders mysthischen Ort, der nicht nur aus formalen Gründen für das Filmemachen besonders reizvoll ist. Immer wieder gibt es entscheidene Momente am oder im Pool, die vor anderen Kulissen banal erscheinen würden und so erhält die Handlung hinsichtlich ihrer narrativen Entwicklung einen signifikanten Charakter. Oftmals erzählt der Regisseur eines Films metaphorisch, um bestimmte Gefühlszustände zu vermitteln. So kann ein leerer Pool mit dem inneren Befinden eines Protagonisten korrespondieren und dadurch eine bestimmte Botschaft kommunizieren.

Meine praktische Ausarbeitung des Themas findet ihr in der folgenden Bilderserie. Ich habe ein verlassenes Freibad in Stuttgart gefunden, welches seit 10 Jahren nur noch für Tauchkurse genutzt wird. Der Besitzer sagte mir, er würde es nicht zubetonieren können, da der Ort in ihm viele Erinnerung weckt – er lernte dort zum Beispiel schwimmen. Der Pool liegt direkt im Wald und versprüht einen mysthischen Charme.

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Filme, die ich innerhalb dieser Arbeit untersucht habe, waren :
SWIMMING POOL von FRANCOIS OZEN
BOOGIE NIGHTS von PAUL THOMAS ANDERSON
SEXY BEAST von JONATHON GLASER
DER PARTYSCHRECK von BLAKE EDWARDS
SUNSET BOULEVARD von BILLY WILDER
LA PISCINE von JACQUES DERAY
THE SWIMMER von FRANK PERRY

Einer meiner Lieblingsregisseure hat ebenfalls einen Film gemacht, der als zentrales Motiv den Pool zeigt, daher habe ich ihn um ein Interview gebeten. ULRICH SEIDL hat seitdem viele weitere und großartige Filme gemacht, doch hier geht es um HUNDSTAGE

CG _ In Ihrem Film Hundstage geht es um die heißesten Tage im Jahr, deswegen ist es sicher nicht abwegig, dass mehrere Poolszenen zu sehen sind. Spannend finde ich insbesondere, wie sie diese verwendet haben. Vorallem in der Szene, als ein Mann in einem leeren Pool Tennis spielt. Wenn Sie mir hierzu ein paar Gedanken verraten würden?!

US _ Das hat mit meiner Arbeitsweise zu tun, dass ich Drehbücher zwar anfertige, aber vieles darin noch nicht vorgesehen ist, vieles ensteht dann beim Dreh selbst. Das heißt ich drehe meine Filme über einen längeren Zeitraum hinweg und entwickle während der Dreharbeiten auch noch inhaltliche Dinge. Insofern hat sich mir dieser Swimming Pool aufgedrängt, weil ich dieses Motiv zufällig gefunden habe. Es ist so, dass ich bei der Motivsuche auf große Bilder stoße, die nicht beabsichtigte waren und dadurch entstehen neue inhaltliche Aspekte. So war das in diesem Fall auch. Dieser Swimming Pool war einfach bei diesem Haus dabei und da fragt man sich ja : was muss dieses Haus / diese Location erfüllen. Es gibt verschiedenste Parameter und dass hier ein Swimming Pool sein sollte, war gar nicht vorgegeben.

CG _ Was mir dazu noch spontan einfällt : Ist es dann so, dass sie ästhetische Momente wahrnehmen und sie dann spontan einsetzen, denn der Pool wirkt schon so, als würde er ein primäres Thema in dem Film darstellen. Insbesondere, weil er auch öfter auftaucht.

US _ Das ergibt sich sozusagen durch die verschiedensten Locations. Der Film gibt natürlich vor, dass es sich um mehrere Einfamilienhäuser geht. Einfamilienhäuser haben sehr oft einen Swimming Pool – zum einen und zum anderen spielt der Film ja zu der Zeit der Hundstage, zur heißesten des Jahres. Hitze sollte eine besondere Rolle spielen in dieser Arbeit. Dass der Pool sich anbietet, Leute in der Sonne am Pool oder auch im Keller sitzen, weil ihnen zu heiß ist, das ergibt sich dann.

CG _ Ein Regisseur verfügt über eine Sammlung von kommunikativen Strategien und Mustern – machen Sie davon Gebrauch? Und wie setzen Sie diese speziell auf den Pool bezogen ein? Die Frage haben Sie schon ansatzweise beantwortet, mich würde jedoch interessieren, ob Sie vor dem Film über das Verwenden des Pools nachgedacht haben.

US _ Speziell nicht, das geht bei mir anders. Ich habe Bilder im Kopf oder ich sehe Bilder und der Pool hat insofern keine Rolle gespielt oder er war zwar zunächst da, aber hat keine inhaltliche Bedeutung gehabt. Er hat eher eine atmosphärische Rolle gespielt.

CG _ War der Einsatz des Pools dann eher eine Frage der Ästhetik, des Inhalts oder der Narration?

US _ Also für den Mann, der im Pool Tennis spielt, war es eine Frage des Inhalts und der Narration. Zunächst wird etwas über seine Person und seine Gefühlslage erzählt. Aber es gibt auch andere Bilder am Anfang des Films, wo Menschen am Pool liegen – das Mädchen zum Beispiel – da ist es eher eine ästhetische Sache. Das sind einfach Bilder, die über die Stimmung etwas aussagen, welche im Film herrschen sollte.

CG _ Was mich weiterhin interessieren würde : man sieht nie einen Pool, der genutzt wird, wozu er vorgesehen ist. Schwimmende Menschen, was sich bei diesen Temperaturen anbieten würde.

US _ Mich interessiert oft die Leere und die Reduktion. Ich versuche auch immer wieder Bilder zu schaffen, wo Dinge ausgespart werden. Dazu gehört, dass man Dinge nicht so darstellt, wie man sie gewohnt ist. Verstehen Sie? Normalerweise wird ein Pool dazu verwendet, wie Menschen in ihm schwimmen. Mich interessiert dann eher zu zeigen, dass niemand drin schwimmt. Ich gehe dann sogar so weit, dass ich eine Person darin Tennis spielen lasse um Dinge klarer zu machen.

CG _ Mir ist zudem aufgefallen, dass durch die Kritik in dem Film, die Vorstadtbewohner, auch der Pool zu einem Element dieser Mentalität derartiger Gesellschaftsstrukturen wird. Er verkörpert Konsum und auch zeitgleich Unzufriedenheit in diesem Kontext. Ist das beabsichtigt?

US _ Natürlich ist es eine Kritik an dem Wahn des Einfamilienhauses, die ja zum großen Teil einfach Fertigbauhäuser sind, die man aus einem Katalog heraus aussucht und bestellt. Dieser Zustand ist ein Wahn des Statussymbols, das Leute offensichtlich haben oder sich leisten wollen. In den meisten Fällen ist es gar keine Lebensqualität, sondern hauptsächlich zu dem Zweck, dass man etwas hat, was man haben soll und was der Nachbar auch hat. Aber ich sehe darin selber absolut keine Verbesserung des Lebensgefühls.

CG _ Ich habe mich bis zum derzeitigen Moment intensiv mit dem Swimming Pool im Film und seinem Ansehen beschäftigt und es ging tatsächlich überwiegend um den Status, den Reichtum und vorallem die Langeweile begleitet vom Konsum. Meine Frage wäre, ob in Österreich dieses Bild des Swimming Pools Reichtum integriert? Und ob der Gedanke, wie er in Filmen dargestellt wird, auch hier in Europa existiert?

US _ Ich würde sagen, dass es kein Reichtum ist. Dieses Bild gilt für die ganze westliche Welt. Diese Häuser, die hier entstehen, sind ein gutes Beispiel. Das meiste, was ich gedreht habe, war südlich von Wien, aber dieses Phänomen ist im Umkreis jeder Großstadt zu beobachten. Ich bin überzeugt, dass ich diesen Zustand in Deutschland genauso finde, weil es eben die Entwicklung ist. Eine solche Form der Anonymität, das Bauen eines Kataloghauses, das man sich hinstellt. Diese Entwicklung gibt es wohl in allen westlichen Ländern, dank einer finanziellen Freiheit.

CG _ Verstehe ich die Aussage richtig, insofern, dass Sie den Pool mit den Alarmssystemen vergleichen? Ein Konsumgut, was zum allgemeinen Wohlbefinden beiträgt. Ein Schutzgefühl diese Sache zu besitzen?

US _ Naja, man macht sich ja gegenseitig Angst, wenn man etwas besitzt und man befürchtet jemand anderes könnte kommen und es einem wegnehmen. Also nehme ich eine Alarmanlage. Und wenn mir das jemand einredet und mir den Kauf anbietet, dann erscheint diese Anschaffung für mich unbedingt notwendig. Ich habe das selber gemerkt, da ich viel Zeit damit verbracht habe, entsprechende Filmlocations zu finden und war halt viel in diesen Siedlungen, um mir Häuser anzuschauen. Es passierte immer wieder, dass man sich in einer solchen Siedlung bewegt sich umsieht und entweder kommt sofort die Polizei oder Leute sprechen einen an und wollen wissen, was man vor hat. Man erscheint sofort suspekt, als jemand, der dort nicht wohnt und eventuell eine Gefahr darstellen kann. Die Angst dieser Hausbesitzer ist sehr groß.

CG _ Und wo haben Sie diese Szenarien gefunden bzw in welcher Form sind Sie vorgegangen? Gab es einen Fotografen, der die Location ausgesucht und vorgeschlagen hat?

US _ Nein die Bildauswahl und Gestaltung kommt von mir. Ich bin sozusagen ein Regisseur, der sehr fotografisch arbeitet und eine sehr eigene Filmsprache entwickelt hat. Wenn Sie noch andere Filme von mir sehen, wird Ihnen auffallen, dass die Filme eine ganz eigene Ästhetik und Handschrift zeigen, die unverwechselbar ist.

CG _ Meine nächste Frage wäre, ob der Pool mit einer bestimmten Aussage behaftet ist, da Sie diese aber schon beantwortet haben, gehe ich gleich über zu einer weiteren Frage. Haben Sie sich vorher mit der Bedeutung von Wasser beschäftigt und dieses Wissen in Ihren Filmen berücksichtigt oder spielen Sie sogar mit dieser und heben damit bestimmte Klischees auf?
Man kennt die Filme, in denen der Swimming Pool eine ästhetische, erotische und bedrückende Austrahlung hat, doch ich hatte den Eindruck, dass Sie dieses Bild in Hundstage aufheben, ja geradezu ins Gegenteil versetzen.

US _ Das ist themenbedingt natürlich. Dass man den Pool verwendet, als irgendeinen Gegenstand, der nicht wirklich gebraucht wird. Und was das Wasser anbelangt – also ich habe mich jetzt nicht speziell damit beschäftigt, sondern es ist eher für mich eine visuelle Geschichte, die sich irgendwo aufdrängt. Ich habe immer wieder Leute gezeigt, die unter der Dusche stehen, das hat natürlich einen Reinigungseffekt, wenn Sie so wollen. Oder es gibt Szenen, wo sich Personen ständig die Hände waschen.

CG _ Eine sehr interessante Aussage! Ich bin in meiner Diplomarbeit tatsächlich auf den Aspekt der sakralen Rituale gestoßen. Also dass Menschen sich im Pool von ihren Sünden reinwaschen. Doch in Ihrer Arbeit wird dieser Moment eher in Situationen unter der Dusche oder in der Badewanne dargestellt – verstehe ich das richtig?

US _ Ja genau

CG _ Dann komme ich zu meiner vorerst letzten Frage. Für Autoren ist der Swimming Pool ein beliebtes Motiv. Haben Sie persönlich eine besondere Beziehung zum Pool oder wurden Sie sogar von anderen Filmen inspiriert?

US _ Nein, ich wurde sicher von keinem Film inspiriert, sondern war es bei diesem Film ganz einfach themenbedingt. Genauso verhält es sich mit anderen Motiven, wie zum Beispiel den Einfamilienhäusern, den gepflegten Rasenflächen und diesen perfekt geschnittenen Hecken und zu all dem gehört dann noch der saubere Pool, um dieses Bild zu vervollständigen.

CG _ Kennen Sie die gleichnamigen Filme „Swimming Pool“ von Francois Ozon und „La Piscine“ von Jacques Deray?

US _ Nein, ich habe beide nicht gesehen

CG _ Es geht in beiden Filmen um die kriminelle Wirkung des Swimming Pools. Der Zuschauer ist sozusagen auf diese Kraft programmiert und ahnt ein Verbrechen, wenn der Pool im Bild auftaucht oder in der Handlung erwähnt wird. Können Sie sich das erklären?

US _ Eine Leiche im Pool ist kein seltenes Bild, welches immer wieder vorkommt. Ich beziehe das aber jetzt nicht nur auf den Pool, sondern auf Wasser im Allgemeinen. Wasser ist immer etwas, was im weiten Sinne mit Todessehnsucht zu tun hat oder auch mit Suizidgedanken eng verknüpft ist. Durch die Örtlichkeit des Pools, also in der Nähe des Hauses, bietet er sich natürlich an, wenn man Geschichten erzählt – vorallem in der Nacht. Ähnliches gilt auch für das Meer, wobei das Meer eine größere Überwindung darstellt. Aber im Grunde hat es die selbe Anziehungskraft, es ist halt noch romantischer als der Pool, der diese klaren Begrenzungen hat.

Ein Gedanke zu “DER SWIMMING POOL IM FILM

  1. Dscha dscha says:

    Schönes Interview! Man bekommt Lust, jetzt alle genannten Filme mit dem neuen Hintergrundwissen durch beide Gesprächspartner (nochmal) anzuschauen! 😀

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